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Freitag, den 30.06.2006
 
 
Herre sagt an
Tim Herre, 38, ist seit der Grundschulzeit absoluter Park- und Kirmesfan und in der deutschen Szene seit vielen Jahren eine feste Größe. In einschlägigen Freizeitpark-Foren ist Tim unter dem Pseudonym "The Knowledge" aktiv - und ebenso geliebt wie gehasst, geschätzt für sein Wissen und gefürchtet für seine spitze Feder. Dies wird noch zusätzlich durch die Tatsache aufgeladen, dass er nur selten gewillt scheint, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. International bekannt ist er durch seine Tätigkeit als freier Autor des Fachmagazins "Kirmes & Park Revue" und als Buchautor für die parkscout Freizeitführer "Freizeitparks in Europa". Im täglichen Leben ist der deutsche Repräsentant des "European Coaster Club" Texter und Konzepter bei einer großen Düsseldorfer Agentur.
   

Herre says Howdy: Groß und gebremst




22 Parks ins 17 Tagen: Das Programm der "American Adventure" betitelten USA-Tour des European Coaster Clubs hatte es in sich. Und natürlich gab es ausreichend Kuriositäten zu beobachten, über die unser Kolumnist hier in den kommenden Wochen berichten wird.

Die Amerikaner haben es gern groß. Das bezieht sich auf Burger, Softdrinks, Autos und eben auch auf Achterbahnen. Super-Size allerorten. Doch wo der Wettlauf um die größte oder höchste Stahlachterbahn ohne weitere Konsequenzen für die Bahnen selbst ablief, trieb der zeitgleich gelaufene Run im Holzachterbahn-Segment geradezu groteske Blüten.

Den Anfang machte, wie so oft, Six Flags Magic Mountain in der Nähe von Los Angeles – und das schon 1978. Der gigantische, knapp 40 Meter hohe Woodie "Colossus" lief nur eine Saison im Ursprungszustand, weil ein tragischer Unfall der Bahn ungewollte Aufmerksamkeit bescherte. "She took off like a Rocket" titelte eine US-amerikanische Zeitung damals über dem Bericht, der den tragischen Tod einer Frau zum Thema hatte, die auf "Colossus" erst exzessiver Airtime zum Opfer und danach 30 Meter zu Boden fiel. 13 Jahre später mussten dann die berüchtigten Camelbacks an der Rückseite der Bahn dran glauben, an ihrer Stelle wurde ein Flachstück mit einer Blockbremse installiert. "Colossus" ist heute nur noch ein Schatten früherer Tage, angesichts des tragischen Unglücks gleich zu Beginn kann man den Park aber verstehen, dass er die Bahn entschärfte.

Viel ärgerlicher ist es, wenn Parks sich einen sinnlosen Wettstreit um die größte Holzachterbahn liefern, die Instandhaltungsabteilung des Parks die vollmundigen Versprechen dann aber nicht halten kann und vor den ausufernden Kosten für die Erhaltung der Holz-Giganten schlichtweg kapituliert. Und dafür gibt es mehrere Beispiele. Das absurdeste ist sicherlich "Hercules" im Dorney Park in Pennsylvania. 1989 erbaut, machte sich diese Bahn die örtliche Topographie zunutze und schaffte es mit nur 29 Metern Höhe auf eine erste Abfahrt von 46 Metern. Diese führte ziemlich sinnlos direkt in eine 180-Grad-Steilkurve und von dort wieder den Hügel hinauf, wo ein relativ unspektakulärer Restparcours abgespult wurde. Nun ja, die hohe Geschwindigkeit, mit der die Züge besagte erste Kurve durchfuhren tat ebendieser nicht unbedingt gut, und so dauerte es nicht lange, bis direkt auf dem ersten Schuss nicht eine, nicht zwei, nein, gleich drei Bremsen installiert wurden. Dumm nur, dass die Züge nun das anschließende Bergaufstück nicht mehr schafften, und deshalb wurde dieses kurzerhand ca. 5 Meter tiefer gelegt. Die schon vor der Kastration ziemlich dröge Reststrecke mutierte nun endgültig zur Kaffeefahrt. Gut, dass der Park die Bahn vor 3 Jahren abriss und inzwischen durch einen B&M-Floorless-Coaster ersetzte.

Auch der "Texas Giant", der nur ein Jahr später vom Konkurrenten Six Flags in deren Park in Arlington, Texas erbaut wurde, musste sich seit seiner Eröffnung diversen Modifizierungen unterziehen. Allerdings waren diese nicht halb so drastisch, wie jene auf Cedar Points Konter von 1991: "Mean Streak". Es mutet schon fast absurd an, wie dort dank intensiver Reduzierbremsen die Züge in relativ beschaulichem Tempo über die fast 50 Meter hohe Holzkonstruktion tuckern. Auch die erste Abfahrt bekam zwei kräftige Bremsen verpasst. Dies hat den Vorteil, dass die sich schon lange nicht mehr im Bestzustand befindliche Strecke nicht so oft erneuert werden muss, da das geringe Tempo natürlich zu ihrer Schonung beiträgt. Wie hanebüchen es ist, erst eine gigantische Bahn zu bauen und ihr dann durch Beschneidung gefühlte 30 Meter Höhe wieder zu nehmen braucht wohl nicht näher kommentiert zu werden. Mal ganz abgesehen davon, dass die vermeintlichen Giganten schon durch ihre schiere Erscheinung etwas versprechen, dass die Fahrt nicht halten kann.

König der Kastraten ist aber ohne Zweifel "The Beast" in Kings Island, Cincinnati, Ohio, eine Holzachterbahn, die unter Zuhilfenahme von 2 Liftstrecken über 2 Kilometer lang durch den Wald führt. Ihr wurde seit dem Bau im Jahre 1979 schon verschiedene Male zuleibe gerückt, unzählige Reduzierbremsen wurden installiert um die ursprünglich wilde Fahrt auf dem längsten Woodie der Welt für die Mechaniker des Parks nicht zum Albtraum werden zu lassen. Den endgültigen Todesstoß bekam die Bahn aber erst im letzten Jahr, als die herkömmlichen Schleifbremsen durch moderne Induktionstechnik ersetzt wurden. Nun verringert sich an einer Stelle der Strecke die Geschwindigkeit von ehemals flotten 80 auf mäßige 50 Stundenkilometer. Wo man früher das Gefühl hatte, man fahre in einem Ferrari mit Affenzahn durchs Grüne, wurde nun anscheinend der Ferrari gegen einen Fiat Panda getauscht. Für die Instandhaltungs-Abteilung des Parks mag das ein Segen sein. Für die Besucher, insbesondere die Achterbahn-Fans, ist es einfach nur ärgerlich. Hoffen wir also, dass derartige Kurzsichtigkeiten bei der Rekordjagd mittlerweile der Vergangenheit angehören. In diesem Sinne: Wir sehen uns im Park!


Bitte beachten
Die Texte der Kolumnen-Autoren sind deren persönliche Meinung und decken sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion Parkscout.







© Parkscout/TH

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