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Montag, den 20.06.2016 | Dieser Beitrag ist in den Rubriken Kolumnen, Magazin und Freizeitparks zu finden.

Alligatoren bei Disney


Diesmal hat die Kolumne einen recht ernsten Unterton, aber auch das muss manchmal leider sein. Nehmen wir einmal an, eine Familie mit zwei kleinen Kindern verbringt ihren Urlaub in einem großen Freizeit-Resort mit luxuriösem Hotel, künstlich angelegtem See und einem gemütlichen Strand mit Liegen, die man dort bereit stellt. Abends setzt man sich noch ein wenig in den Sand, die Kinder spielen am Wasser und plötzlich schnellt aus dem See ein zwei Meter langer Alligator hervor, der eines der Kinder tötet. Dieser Alptraum wurde vor wenigen Tagen in Walt Disney World in Florida grausame Realität. Ein tragischer Unfall, der zur Zeit nicht nur die internationale Presse beschäftigt, sondern auch die Disney-Fan-Foren, wo die Diskussionen fast schon absurde Züge annehmen.

Dabei geht es vor allem um die Schuldfrage, die nach einem derartigen Unfall natürlich immer gestellt wird. Und während bei den Ermittlungen in den USA immer mehr Details ans Tageslicht kommen, die für Disney recht problematisch werden könnten, nimmt man in den Foren eine Verteidigungslinie für die Mäusemacher ein, die zynischer kaum sein könnte. So gab es zum Beispiel an dem Strand ein Schild mit dem Hinweis, dass dort schwimmen verboten sei. Schwimmen. Wir alle kennen derartige generische Schilder, die zum Beispiel an Flüssen vor gefährlichen Wasserströmungen oder vor Verunreinigungen warnen – ein Spaziergang mit den Füßen im Wasser ist hier jedoch keinerlei Problem. Trotzdem wird nun mit dem Verweis auf die Existenz eines solchen Schildes dem Kind oder den beaufsichtigenden Eltern eine Mitschuld zugewiesen. Verbot ist ja schließlich Verbot. Alleine schon das Gehen am Ufer eines stehenden Gewässers bei einer Wasserhöhe von rund 30 Zentimetern mit der Tätigkeit des Schwimmens zu vergleichen, zeugt schon von viel Phantasie. Noch abenteuerlicher wird es dann, wenn die Aussagekraft eines allgemeinen Schwimmverbots mit der Warnung vor gefährlichen Raubtieren im Wasser gleichgesetzt wird.

Kunstwelt mit Raubtieren

Nun ist es ja so, dass sich Walt Disney World in Florida befindet, einem Bundesstaat, in dem Alligatoren durchaus nicht selten sind. Trotzdem handelt es sich hierbei um erschlossenes Gebiet, betrieben von einem Unternehmen, das die Sicherheit seiner Gäste gerne hervorhebt und hier durchaus gerne mal über das Ziel hinausschießt. Man könnte also durchaus davon ausgehen, dass man sich dort der Problematik durchaus bewusst war und dass Disney seine Gäste bei einer bestehenden Gefahr auch darauf aufmerksam gemacht hätte. Gerade Touristen aus anderen Bundesstaaten und aus anderen Ländern dürften sich der Tatsache, dass man in Florida theoretisch überall einem Alligator begegnen kann, kaum bewusst sein. Und in der perfekten Kunstwelt von Disney, in der die echte reale Welt konsequent ausgeblendet wird, rechnet man erst recht nicht mit frei laufenden Raubtieren in den Hotelarealen oder gar in den Freizeitparks. Und wie die ersten Ermittlungen ergeben haben, wusste Disney durchaus, dass sich in ihren Gewässern Alligatoren tummeln – nur offenbar hatte man die Gefahr wohl leider unterschätzt. Doch auch diesbezüglich haben die allwissenden Foren-User natürlich ein Gegenargument. Schließlich sei es ja wohl weltweit bekannt, dass man in Florida überall mit Alligatoren rechnen müsse und daher jede Wasserpfütze meiden sollte. Ich gebe zu, dass mein Bildungsgrad wohl unterdurchschnittlich sein muss, denn der Gedanke, dass es ein Milliarden-Unternehmen wie Disney nicht schafft, diese Tiere von seinen öffentlichen Bereichen fernzuhalten, wäre mir in der Tat nicht gekommen. Und ich hätte auch durchaus erwartet, dass genau aus diesem Grunde im Falle einer Gefahr eine entsprechende Warnung ausgesprochen worden wäre.

Wie sich inzwischen herausgestellt hat, werden die Alligatoren wohl auch von unvernünftigen Gästen angefüttert. Dadurch verlieren die Tiere ihre angeborene Scheu und nähern sich immer mehr den Arealen, wo Menschen zu finden sind. Dieser Zustand war Disney auch seit über einem Jahr bekannt – umso unverständlicher erscheint mir dann die Tatsache, dass man selbst nach diesen Erkenntnissen keine entsprechenden Warnschilder aufgestellt hat. Wirklich wütend kann man aber werden, dass Disney in diversen Foren immer noch von jeglicher Schuld freigesprochen und der Schwarze Peter weiterhin zu den Opfern geschoben wird – manchmal nimmt Fan-Treue fast schon obszöne Töne an. Disney selbst hat übrigens inzwischen auf den Unfall reagiert, neue Warnhinweise aufgestellt und Strandabschnitte für die Besucher gesperrt – zumindest dort hat man wohl die eigenen Versäumnisse erkannt, die von den Fans heftig abgestritten werden.


Bitte beachten
Die Texte der Kolumnen-Autoren sind deren persönliche Meinung und decken sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion Parkscout.

Autoreninfo Mike Vester

Mike Vester, 51, beschäftigt sich bereits seit seiner Jugend mit dem Thema Freizeitparks / Kirmes und gehört heute zu den wichtigsten Autoren der Parkscout-Fachredaktion. Sein Hang zu Polemik und Übertreibungen ist zwar legendär, aber wer genau hinhört, merkt schnell, daß er mit seinem Motto "zeitlos, stillos, geschmacklos" zwischen den Zeilen immer genau den Punkt trifft. Der frühere Kleinkunst-Texter ist überzeugter Fan von allem, was mit dem Thema "Disney" zu tun hat und läßt dies auf seine liebenswert schrullige Art auch sicherlich öfter in seine Kolumne einfließen. In diesem Sinne also: Immer vester druff...



© parkscout/MV




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