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Mittwoch, den 01.08.2012 | Dieser Beitrag ist in den Rubriken Kolumnen und Freizeitparks zu finden.

Die bösen Nachbarn


"Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt" - diese alte Weisheit von Friedrich Schiller aus "Wilhelm Tell" ist auch heute noch ein immer wieder gern genommenes Thema vor deutschen Gerichten. Dass es dabei nicht nur um überstehende Tannenzweige oder Gartenzwerge in Laubenvorgärten geht, davon können Freizeitparks ein Liedchen singen. Denn auch diese haben Nachbarn, und die fahren manchmal alle denkbaren Geschütze auf, um die Parks kontinuierlich in ihrer Entwicklung zu blockieren.

Dass Achterbahnfans, um einen Coaster jenseits der 100-Meter-Marke erleben zu können, sich in Übersee umschauen müssen, liegt keineswegs an der mangelnden Investitionsbereitschaft der europäischen Freizeitparks. Nur zu gerne würden diese den Besuchern nämlich auch ein paar Weltrekordbahnen präsentieren. Zu dumm nur, dass es garantiert immer einen Querulanten gibt, der sich in seinem Persönlichkeitsrecht eingeschränkt fühlt, wenn er mit dem Fernglas plötzlich eine Schiene am Horizont ortet. Die Konsequenzen nehmen dabei manchmal schon groteske Züge an: In Alton Towers, England, dürfen keine Anlagen gebaut werden, die höher als die Baumkronen sind, und im BonBon-Land, Dänemark, muss alles, was eine Höhe von ein paar Metern übersteigt, himmelblau angepinselt werden. Freizeitparks müssen expandieren, um erstens wettbewerbsfähig zu sein und zweitens den Besuchern auch ständig Neuheiten bieten zu können. Doch was tun? Baugenehmigungen für höhere Attraktionen sind schwer zu bekommen, und selbst wenn eine solche vorliegt, ist dies noch kein Grund für die guten Nachbarn, nicht am gleichen Tage einen Anwalt aufzusuchen, der das Projekt zu verhindern weiß. Dringend benötigte Erweiterungsflächen sind in der Praxis auch eher problematisch. Kaum wird bekannt, dass sich ein Freizeitpark ausdehnen will, laufen sofort die Anwohner Sturm und die ersten Greenpeace-Aktivisten setzen sich in Bewegung, weil sich auf der Erweiterungsfläche Brutstätten des blaugelben Kosakenmützchens befinden.

Tricksen für Anfänger

Und wenn all dies nichts nützen sollte, greifen manche Nachbarn ganz tief in die Trickkiste: Ob es nun Anwohner waren, die vor geraumer Zeit versuchten, die Winteröffnung eines Parks zu verhindern mit dem Argument, der Geruch von gebrannten Mandeln wäre ihnen nicht zuzumuten, oder die panische Angst eines Nachbarn, schreiende Kinder auf einem Free Fall könnten ihm seinen Mittagsschlaf vermiesen – wobei kurz anzumerken ist, dass die betreffende Person mehrere Kilometer entfernt sein Nickerchen hält. Gottseidank haben die deutschen Gerichte diesen Absurditäten einen Riegel vorgeschoben – Winteröffnung und Free Fall erfreuen seit vielen Jahren die Besucher. Aber lästig und zeitraubend ist es eben doch. Vor allem aber ist es ärgerlich für den Steuerzahler, dass die deutsche Justiz mit solchem Unfug überhaupt belästigt wird.

Freizeitparks sind wichtige Anziehungspunkte für die regionale Touristik. Davon abgesehen gehören sie meistens auch zu den wichtigsten lokalen Arbeitgebern. Umso unverständlicher sind die teilweise doch sehr überzogenen Aktionen mancher Nachbarn, bei denen man manchmal den Eindruck gewinnen muss, sie entstünden aus reiner Langeweile und Streitlust. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ein Park muss wie jedes andere Unternehmen auch ökologisch und gesellschaftlich verträglich operieren. So ist beispielsweise der Protest von Anwohnern gegen ein tägliches Höhenfeuerwerk nach 23 Uhr in einem bekannten französischen Park durchaus nachvollziehbar – aber darum scheint es so manchem Quertreiber nicht zu gehen. Interessanterweise leben Park und alteingesessene Anwohner meistens in schöner Harmonie miteinander – die Schüsse aus dem Hinterhalt kommen oft von Dazugezogenen, von denen man eigentlich annehmen müsste, daß sie wissen, worauf sie sich eingelassen haben.

Bitte beachten
Die Texte der Kolumnen-Autoren sind deren persönliche Meinung und decken sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion Parkscout.

Autoreninfo Mike Vester

Mike Vester, 51, beschäftigt sich bereits seit seiner Jugend mit dem Thema Freizeitparks / Kirmes und gehört heute zu den wichtigsten Autoren der Parkscout-Fachredaktion. Sein Hang zu Polemik und Übertreibungen ist zwar legendär, aber wer genau hinhört, merkt schnell, daß er mit seinem Motto "zeitlos, stillos, geschmacklos" zwischen den Zeilen immer genau den Punkt trifft. Der frühere Kleinkunst-Texter ist überzeugter Fan von allem, was mit dem Thema "Disney" zu tun hat und läßt dies auf seine liebenswert schrullige Art auch sicherlich öfter in seine Kolumne einfließen. In diesem Sinne also: Immer vester druff...



© parkscout/MV




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KOMMENTARE     Eigenen Kommentar verfassen

Na also der Europa Park hat da wohl in Deutschland mit die wenigsten Probleme...

Da fällt mir eher Als erstes das Phantasialand oder der nette Geselle der damals den Movie Park regelmäßig torpedierte.

05.01.2013 18:19
VPG_Danny




Vielen Dank für diese Kolumne!!

Es ist tatsächlich immer so, ob nun Freizeitpark oder Biergarten. Wer in die Nähe eines solchen öffentlichen Ortes zieht sollte wirklich wissen auf was er sich einlässt.
In München gibt es einen Biergarten, den es schon gab als weit und breit noch niemand daneben wohnte, seit über 100 Jahren und jetzt wollen die Nachbarn, dass er schließen soll weil der Lärm stört.
Wenn ich schon weiß, dass es zu Lärmbelästigung kommt, dann darf ich da nicht hinziehen, das sahen Gott sei Dank die Richter genauso.
Der Europa Park hat auch immer wieder mit solchen Querulanten zu kämpfen und dabei halten sich die Planer ohnehin schon an alle Beschränkungen, außerdem wird auch auf die Natur und die Infrastruktur geachtet, wobei der Europa Park hierfür ebenfalls viel Geld mit investiert und trotzdem stören sich immer wieder Anwohner daran.
Verstehe das wer wolle, ich jedenfalls nicht.

01.08.2012 15:42
Raimund Huber






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