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Donnerstag, den 19.07.2012 | Dieser Beitrag ist in den Rubriken Kolumnen und Freizeitparks zu finden.

Familie oder nicht Familie?


Österreichische Freizeitparks haben es schon schwer: bei der allmächtigen Konkurrenz in Deutschland oder Italien nimmt man von ihnen in der überregionalen Presse kaum Notiz. Manchmal hingegen gibt es aber auch Vorkommnisse, die es tatsächlich in die landesweiten Medien und vermutlich in Kürze auch darüber hinaus schaffen – zur Zeit ist das Minimundus in Klagenfurt bei unseren Nachbarn in aller Munde, und dies leider nicht im positiven Sinne.

Was war passiert? Das Minimundus hatte zwei lesbischen Frauen, die in einer eingetragenen Partnerschaft mit zwei Kindern leben, eine Familienkarte verwehrt und stattdessen zwei Kombi-Karten für jeweils einen Single mit Kind verkauft. Die öffentliche Herabwürdigung an der Kasse und der Ärger darüber, dass ihre anerkannte Regenbogenfamilie im Miniaturschloss am Wörthersee jeglichen Stellenwert verliert, führte zu einer Beschwerde bei den "Grünen Andersrum Kärnten", deren Sprecher, Markus Einicher, zutiefst empört war. An dieser Stelle hätte die Geschichte eigentlich zu Ende sein können, wenn sich der Geschäftsführer des Parks, Hannes Guggenberger, öffentlich für den Fehltritt seiner Kassenangestellten mit einem großen Blumenstrauß und Freikarten für die diskriminierte Familie entschuldigt hätte. Stattdessen zog dieser es vor, in einem Zeitungsinterview festzustellen, dass er Regenbogenfamilien nicht akzeptieren könne, da gleichgeschlechtliche Partner in Österreich keine Kinder adoptieren könnten. Wenn er den betroffenen Frauen und ihren Kindern eine Familienkarte verkauft hätte, wäre ihm vom Finanzamt die Vergünstigung möglicherweise in Rechnung gestellt worden. Und als ob diese Begründung nicht schon krude genug wäre, ließ das zuständige Finanzamt in Klagenfurt irritiert vermelden, dass es diesbezüglich überhaupt keinerlei Vorgaben geben würde.

Rettet das Kind

Willkommen im finstersten Mittelalter – mag sich da wohl so mancher gedacht haben. Guggenberger, der im Jahre 2008 bei seiner Ernennung zum Geschäftsführer des Parks gesagt hat, dass er "alles ein bisschen entstauben wolle", muss da wohl etwas grundsätzlich falsch verstanden haben. Pikanterweise gehört das Minimundus dem eingetragenen gemeinnützigen Verein "RETTET DAS KIND-Österreich", in dessen publiziertem Leitbild gleich zu Anfang geschrieben steht, dass man an einer Welt arbeite, "in der die Unverletzlichkeit der Menschenwürde und die Rechte auf eine freie Entfaltung der Persönlichkeit eines Individuums, auf Selbstbestimmung eines Individuums sowie auf ein lebenswertes Leben allgemein Gültigkeit hat". Es ist kaum davon auszugehen, dass bei der freien Entfaltung der Persönlichkeit eines Individuums eine Regenbogenfamilie von der Regel ausgenommen sein sollte.

Letztendlich hat Hannes Guggenberger zwar acht Euro mehr in der Kasse durch den Verkauf der Single-mit-Kind-Tickets, und den Zuspruch einiger wertekonservativer Leser seiner Erklärung mag er sich auch gesichert haben, aber der Imageschaden ist auf der anderen Seite enorm. Dass im Minimundus eine Familie ausschließlich durch einen Vater, eine Mutter und die zugehörigen Kinder definiert wird, mag zwar im katholischsten aller Sinne erklärbar sein, geht aber sowohl an der modernen Gesellschaftsauffassung als auch an gesetzlichen Bestimmungen vorbei – da nützt auch die vorgeschobene Steuerentschuldigung nichts.

UPDATE:


Inzwischen hat das Minimundus auf seiner Facebook-Seite folgende Ankündigung veröffentlicht:
"Minimundus wird die Preispolitik der Minimundus-Familienkarte nochmals überarbeiten, da man gleichgeschlechtliche Familien nicht benachteiligen will. Es werden Organisationen, die eingetragene Partnerschaften und gleichgeschlechtliche Familien vertreten eingeladen (siehe angefügte Liste), gemeinsam mit Minimundus ein zukünftiges Lösungsmodell zu erarbeiten und umzusetzen.

Es war und ist nicht im Sinn von Minimundus irgendwelche Formen von Partnerschaften zu diskriminieren oder zu benachteiligen und wir erwarten, dass wir in Zusammenarbeit mit diesen Organisationen auch eine Vorbildlösung erarbeiten können.

Keinesfalls wollte Minimundus die beiden Besucherinnen und ihre Kinder diskriminieren oder respektlos behandeln. Sollten sie dies so empfunden haben, möchten wir uns dafür entschuldigen".


Bitte beachten
Die Texte der Kolumnen-Autoren sind deren persönliche Meinung und decken sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion Parkscout.

Autoreninfo Mike Vester

Mike Vester, 51, beschäftigt sich bereits seit seiner Jugend mit dem Thema Freizeitparks / Kirmes und gehört heute zu den wichtigsten Autoren der Parkscout-Fachredaktion. Sein Hang zu Polemik und Übertreibungen ist zwar legendär, aber wer genau hinhört, merkt schnell, daß er mit seinem Motto "zeitlos, stillos, geschmacklos" zwischen den Zeilen immer genau den Punkt trifft. Der frühere Kleinkunst-Texter ist überzeugter Fan von allem, was mit dem Thema "Disney" zu tun hat und läßt dies auf seine liebenswert schrullige Art auch sicherlich öfter in seine Kolumne einfließen. In diesem Sinne also: Immer vester druff...



© parkscout/MV




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KOMMENTARE     Eigenen Kommentar verfassen

Danke für den ausführlichen Bericht.
Ich, selbst homosexuell, finde es sehr schade, dass man auch noch heute, in unserer modernen Welt, so diskriminiert wird.
Auch die deutschen Freizeitparks sind leider noch nicht offen genug für diese Lebensweise, was mein Partner und ich bei Anfragen bei Parks bemerkt hatten. Trotzdem ist zu sagen: wir hatten auch sehr viele positive Erfahrungen mit diesem Thema in Deutschland (gerade im Europa Park).

19.07.2012 23:40
Kevin






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