24.08.2012 | Kolumnen | Freizeitparks

Das Loch ohne Boden


Im Idealfall erwartet den Besucher in einem Freizeitpark ein Ausflug in eine andere Welt – aufwendig thematisierte und perfekt inszenierte Illusionen sollen die Gäste verzaubern. Das Streben nach der "Disney-Qualität" artet dabei allzu oft in eine Materialschlacht aus, bei deren Realisierung ein personeller und finanzieller Aufwand nötig ist, den die meisten Parks nicht leisten können.

Das Problem ist dabei nicht unbedingt der Bau solcher Thematisierungswunderweke, obwohl alleine dieser schon Unsummen an Investitionen verschlingt, sondern eher die Instandhaltung und Pflege: Vandalierende Besucher, Wetter und Materialermüdung sorgen häufig dafür, dass der Traum von fremden Welten schnell zum Alptraum von Buchhaltung und Mitarbeitern wird. Wenn man die dafür nötige Finanz- und Personaldecke für Rehab-Maßnahmen zur Verfügung stellt wie zum Beispiel im letzten Jahr Disneyland Resort Paris, besteht durchaus eine reelle Chance, den Kampf gegen Mensch- und Naturgewalten für sich zu entscheiden. Wenn man aber kein Geld in die Pflege investiert, werden die Neuheiten von heute schnell zum Schandfleck von morgen.

Das Unterbewusstsein spielt mit

Kritiker könnten nun vielleicht anmerken, dass man mit der Pflege bestehender Attraktionen keine neuen Gäste anlockt und die vorhandenen finanziellen Mittel daher eher in publikumswirksame Neuheiten investieren sollte. Das Gebot der Stunde sollte allerdings eher sein, die vorhandenen Besucherzahlen zu halten, und das dürfte schwierig werden, wenn man aufgrund schlecht gewarteter Thematisierung ein immer stärkeres Gefühl des Unbehagens bekommt. Wie sehr das Unterbewusstsein der Gäste Dinge wahrnimmt, die vielleicht noch nicht einmal offensichtlich sind, und dabei die Stimmung beeinflussen kann, zeigt mal wieder Disney. Dort finden sich im Wilden Westen auf dem Boden Hufspuren oder im Dschungel Abdrücke von Raubkatzen, die von den meisten Besuchern gar nicht gesehen werden, aber für das "Erleben" nicht ganz unwichtig sind. Dasselbe Prinzip gilt natürlich auch im Umkehrschluss: Bröckelnde Fassaden, abgeplatzte Farben oder fehlende Thematisierungsdetails wirken sich im Unterbewusstsein durchaus ähnlich aus und machen den Trip in die fremde Welt zu einem unschlüssigen Erlebnis, das den Gesamteindruck eines Parks empfindlich stören kann. Freizeitparks, die ihren Focus nicht auf Thematisierung legen, haben hier natürlich einen unschätzbaren Vorteil: Wer seine Besucher einfach nur mit Thrill locken will wie zum Beispiel die berühmt-berüchtigte Six-Flags-Gruppe in den USA, hat natürlich ungleich niedrigere Folgekosten bei den Attraktionen als andere Parks, die ihren Gästen eine komplette Illusion bieten wollen. Trotzdem oder gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass Thematisierung, wenn sie denn geboten wird, auch ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit seitens der Parks bekommt, da sie sonst ihren eigentlichen Zweck schon nach wenigen Jahren nicht mehr erfüllen kann und wird.


Bitte beachten
Die Texte der Kolumnen-Autoren sind deren persönliche Meinung und decken sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion Parkscout.

Autoreninfo Mike Vester

Mike Vester beschäftigt sich bereits seit seiner Jugend mit dem Thema Freizeitparks / Kirmes und gehört heute zu den wichtigsten Autoren der Parkscout-Fachredaktion. Sein Hang zu Polemik und Übertreibungen ist zwar legendär, aber wer genau hinhört, merkt schnell, daß er mit seinem Motto "zeitlos, stillos, geschmacklos" zwischen den Zeilen immer genau den Punkt trifft. Der frühere Kleinkunst-Texter ist überzeugter Fan von allem, was mit dem Thema "Disney" zu tun hat und läßt dies auf seine liebenswert schrullige Art auch sicherlich öfter in seine Kolumne einfließen. In diesem Sinne also: Immer vester druff...

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