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09.03.2011 | Freizeitparks | Kolumnen

Rollende Ballerbuden in Freizeitparks


Wenn man heutzutage einen Kinofilm ohne lästige Brillen und vermeintlichem 3D, das leider immer noch in der Mehrheit aus lustloser Effekthascherei besteht, in einem Lichtspielhaus sehen möchte, gibt es bei einigen Produktionen massive Probleme, dies auch tun zu können. 3D ist der Trend des neuen Jahrtausends, an dem im Moment niemand mehr vorbeikommt. Selbst ursprünglich zweidimensional aufgenommene Filme werden in der Postproduction mit Hilfe von Computern und entsprechender Software in die dritte Dimension aufgebläht – und dies meist ohne Sinn und Verstand.

Eine durchaus vergleichbare Entwicklung zeichnet sich in Freizeitparks ab, wenn es um die Gestaltung von Themenfahrten geht. Kein neuer Darkride mehr ohne Interaktivität – ab in die Wagen und die Wumme in die Hand: Schießen statt Staunen, Ballern statt Beobachten und Abknallen statt Atmosphäre. Wurden Besucher in früheren Zeiten bei Attraktionen dieser Art durch eine fremde Welt voller Mystik, Spannung und Magie entführt, der bestenfalls sogar ein klimatisch aufgebautes Drehbuch zu Grunde lag, treten Szenerien, Figuren und Geschichte heute in den Hintergrund. Korn und Kimme – und mehr Punkte abräumen in der rollenden Ballerbude als die anderen. So lautet das Ziel, mit dem Parks die moderne Themenfahrt neu definieren – allerdings ist fraglich, ob man die Besucher nur durch diesen Wettbewerbsgedanken langfristig bei der Stange halten kann... Beispiele, wo interaktive Feuergefechte für die Betreiber zum Schuss in den Ofen wurden, gibt es zu Hauf. Mirabilandia wollte seinen Gästen wohl etwas Gutes tun und präsentierte mit "Reset: Anno Zero" eine Endzeit-Schmonzette, die an Langeweile und uninspirierten Szenen kaum noch zu unterbieten ist – inzwischen ähneln die leeren Wartebereiche personentechnisch durchaus dem menschenleeren apokalyptischen Szenario, was hier dargestellt wird. Am Nürburgring sieht es bei "Motor Mania" auch nicht besser aus: fehlende Ausgestaltung der Themenfahrt soll durch Ballern mit einer Zapfsäule (!) auf vorgegebene Ziele ersetzt werden, die irgendwelche Filmchen aus der Gaga-Abteilung auslösen. Oder nehmen wir den atmosphärisch dichten Darkride "La Valle dei Re" im Gardaland, einer ursprünglichen Reise zu ägyptischen Gottheiten und archäologischen Abenteuern. Auch hier wollte man sich offensichtlich ganz modern und dem Geist der Zeit entsprechend geben und verknüpfte das alte Thema flugs mit einer Terminator-artigen Story, damit auch am Gardasee das virtuelle Schießpulver nicht ausgeht. Hasta la vista, Mummy!

Dreimal dürfen Sie raten, welche Themenfahrt wohl in Disneyland bei den Besuchern an der Spitze steht? Nein, es ist eben nicht die interaktive Böse-Buben-Jagd mit Buzz Lightyear, für die man unverständlicherweise seinerzeit das geniale Rundum-Kino geopfert hatte, sondern der angestaubte Klassiker "Pirates of the Caribbean" - im Kampf gegen die stimmungsvollen Seeräuber hat der Weltraumheld mit den Laserpistolen eben keine Chance. Und ich stelle die kühne Behauptung auf, dass es eben gerade an der vermeintliche Interaktivität liegt, weshalb solche Attraktionen schnell zum Rohrkrepierer werden. Durch die zahlreichen Ziele und ständig ausgelösten Effekte gibt es einen visuellen Overkill, der für den Besucher zunächst einmal jede Menge Stress bedeutet.

Dazu kommt die bei solchen Attraktionen übliche hohe Lautstärke durch die kontinuierliche Ballerei mit den Pistolen. Zielen, Schießen, Peng, Puff, Knall! Dass in einem solchen Umfeld Atmosphäre zwangsläufig nicht aufkommen kann, versteht sich von selbst. Besucher wollen in einem Freizeitpark in fremde Welten eintauchen und nicht in eine Videospielhalle der 80er Jahre zurückversetzt werden, als derartige Shooting Games kurzfristig die klassischen Flipper verdrängten. Für den Augenblick mag dieses Konzept für den einen oder anderen Park funktionieren, aber genauso wie heute jeder einen guten alten Williams-Pinball einem Virtua-Cop-Automaten von Sega vorziehen würde, werden in vielleicht schon 10 Jahren die Spielzeugpistolen in Disneyland wieder eingemottet, während die Piraten der Karibik immer noch als charmanter Klassiker an der Spitze der Beliebtheitsskala stehen werden. Von daher hoffe ich darauf, dass demnächst wieder ein "Old School"-Darkride ohne interaktive Mätzchen irgendwo in Europa eröffnet...

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Die Texte der Kolumnen-Autoren sind deren persönliche Meinung und decken sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion Parkscout.

Autoreninfo Mike Vester

Mike Vester beschäftigt sich bereits seit seiner Jugend mit dem Thema Freizeitparks / Kirmes und gehört heute zu den wichtigsten Autoren der Parkscout-Fachredaktion. Sein Hang zu Polemik und Übertreibungen ist zwar legendär, aber wer genau hinhört, merkt schnell, daß er mit seinem Motto "zeitlos, stillos, geschmacklos" zwischen den Zeilen immer genau den Punkt trifft. Der frühere Kleinkunst-Texter ist überzeugter Fan von allem, was mit dem Thema "Disney" zu tun hat und läßt dies auf seine liebenswert schrullige Art auch sicherlich öfter in seine Kolumne einfließen. In diesem Sinne also: Immer vester druff...

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