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Dienstag, den 24.07.2012 | Dieser Beitrag ist in den Rubriken Kolumnen und Freizeitparks zu finden.

Sitzen bleiben, Sitzenbleiber!


So ungerecht ist die Welt! Schüler, die in Nordrhein-Westfalen mehrere Einser auf dem Zeugnis haben, dürfen sich auf einen kostenlosen Eintritt im Movie Park Germany freuen. Als Belohnung für Fleiß gibt es ganz im Sinne der FDP ein Stückchen Zuckerbrot für den Nachwuchs, denn wir wissen ja: Leistung muss sich wieder lohnen! Im niedersächsischen Soltau hingegen ist der liberale Gedanke noch nicht so wirklich eingezogen. Die einzige Belohnung, die ein guter Schüler hier bekommt, ist eine gute Sicht auf all seine Kollegen in der Achterbahn, die aus diversen Gründen das Klassenziel nicht erreicht haben und eine Ehrenrunde drehen müssen.

"Sitzenbleiber dürfen Sitzenbleiben" - so der Name der neuen Aktion, mit der sich der Heide-Park in Soltau bei seinen Fans (mal wieder) alles andere als beliebt gemacht hat. Wer in diesem Schuljahr aufgrund schlechter Noten nicht versetzt wurde, kann sich mit seinem Zeugnis in Norddeutschlands größtem Freizeitpark melden und bekommt dafür ein buntes VIP-Bändchen, mit dem er einmalig bei jeder Achterbahn eine zweite Fahrt machen darf, ohne sich erneut anstellen zu müssen. Rumms! Keine 24 Stunden später darf der Park auf seiner Facebook-Seite bereits fast 600 Reaktionen vermelden, deren Echo man nur als vernichtend bezeichnen kann. Die Fans sprechen von "Frechheit", "Ungerechtigkeit" und "Boykott" und haben den nächsten Shitstorm ausgelöst, der schon von den ersten Medien-Berichten im Internet flankiert wird, während Geschäftsführer Hannes Mairinger mit einem vor sozialem Gedankengut nur so triefenden Statement gegenrudert. Der nächste Marketing-Supergau innerhalb weniger Monate oder einfach Kalkül? Man muss bei einer solchen Aktion davon ausgehen, dass sie primär dazu da ist, die Besucher in den Park zu locken. Dabei sollte man sich in diesem Falle einfach mal fragen, wieviele Kinder denn nun tatsächlich in einem Schuljahr sitzenbleiben? Und wieviele davon dürften wohl von ihren Eltern den nicht unerheblichen Eintritt in den Heide-Park als Belohnung bezahlt bekommen? Und wieviele dieser Kinder werden wohl Lust darauf haben, den ganzen Tag mit einem Band, das von Wissenden als "Mahnmal der Schande" wahrgenommen wird, herum zu laufen? Nein, als Mittel, die Besucherzahlen zu steigern, eignet sich die ganze Aktion nicht wirklich. Aber warum dann die ganze Mühe?

Shitstorm mit Methode?

Am Anfang der Saison hatte sich der Heide-Park auch schon bei Facebook eine blutige Nase geholt, als er seinen Jahreskartenbesitzern einen exklusiven Parktag versprochen hatte, der sich dann als nicht ganz so exklusiv entpuppte, wie es sich wohl viele gewünscht hatten. Auch da gab es einen Shitstorm mit ähnlichen Formulierungen - "Frechheit", "Ungerechtigkeit" und "Boykott" gehörten ebenfalls zum Vokabular der vermeintlich Geprellten. Das Ergebnis war, dass der Heide-Park durch diesen Vorfall die Anzahl seiner Facebook-Fans steigern konnte – die Viralität dieses Shitstorms war sicher nicht unerheblich. Im aktuellen Fall sind es, wie schon erwähnt, rund 600 Antworten auf die Marketing-Aktion – wenn jeder dieser Fans bei Facebook auch nur 100 Freunde hat, sind insgesamt in weniger als 24 Stunden 60.000 Menschen auf den Heide-Park aufmerksam gemacht worden – Tendenz steigend.

Den Image-Schaden, der dabei entstehen könnte, wird anscheinend bewusst in Kauf genommen – eine Politik, die vom ebenfalls zu Merlin Entertainments gehörenden englischen Thorpe Park schon seit geraumer Zeit mit Erfolg praktiziert wird. Das dortige Marketing nutzt auch gerne mal Fotos von bei Achterbahntestfahrten angeblich zerstörten Dummies, um Pressepräsenz zu bekommen. Klar, die ganze Sache hat einen faden Beigeschmack – in der Öffentlichkeit kommt die Aktion so rüber, als ob man in der Heide Dummheit oder Faulheit unterstützen wolle. Doch auf der anderen Seite hat man damit eine gewisse Aufmerksamkeit erreicht, während die weitaus sinnvollere Aktion im Movie Park Germany kaum über eine regionale Randnotiz in der Zeitung herauskommt.

Letztendlich wird die ganze Angelegenheit in kürzester Zeit wieder vergessen sein. Die Leute hatten endlich mal wieder Gelegenheit, sich über etwas anderes als Griechenland oder Spanien zu echauffieren, der Heide-Park hat sich wieder ins Gedächtnis zurück gerufen und Facebook hat einmal mehr gezeigt, wie viral es sein kann. Also alles prima beim Sturm im Wasserglas. Und Schüler, die neidisch darauf sein könnten, nicht sitzengeblieben zu sein, können bei entsprechenden Noten ja auch noch nach Bottrop fahren, wo sie vor dem Achterbahnfahren wenigstens keinen Eintritt zahlen müssen.


Bitte beachten
Die Texte der Kolumnen-Autoren sind deren persönliche Meinung und decken sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion Parkscout.

Autoreninfo Mike Vester

Mike Vester, 51, beschäftigt sich bereits seit seiner Jugend mit dem Thema Freizeitparks / Kirmes und gehört heute zu den wichtigsten Autoren der Parkscout-Fachredaktion. Sein Hang zu Polemik und Übertreibungen ist zwar legendär, aber wer genau hinhört, merkt schnell, daß er mit seinem Motto "zeitlos, stillos, geschmacklos" zwischen den Zeilen immer genau den Punkt trifft. Der frühere Kleinkunst-Texter ist überzeugter Fan von allem, was mit dem Thema "Disney" zu tun hat und läßt dies auf seine liebenswert schrullige Art auch sicherlich öfter in seine Kolumne einfließen. In diesem Sinne also: Immer vester druff...



© parkscout/MV




 




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Erneut ein sehr schöner, ausgeglichener und wohltuender Artikel über den Vorzeigefehler der deutschen Freizeitparkkultur.

27.07.2012 17:52
Sebastian




"Dabei sollte man sich in diesem Falle einfach mal fragen, wieviele Kinder denn nun tatsächlich in einem Schuljahr sitzenbleiben?"
Nichts leichter als das: laut Statistischem Bundesamt in diesem Schuljahr deutschlandweit exakt 2% der Schüler; Niedersachsen liegt da ganz knapp drüber.

24.07.2012 23:24
crazyx






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